Musik gegen Windmühlen - aus Chemnitz

Eindrücke

von Quijote

Foto: Quijote zu Besuch bei Mikis Theodorakis, September 2009

Foto: Quijote zu Besuch bei Mikis Theodorakis, September 2009

 

29. Juli 2010 wurde Mikis Theodorakis 85 Jahre alt

Χρονια πολλα, Μικης - Alles Gute, Mikis!

Zum 85. Geburtstag eines Unbequemen.

Von Sabine Kühnrich (Sängerin der Gruppe QUIJOTE aus Chemnitz)

veröffentlicht in UNSERE ZEIT, am 30.7.2010

Fünfundachtzig – ein erstaunliches Alter für einen, der mit sechzehn zum ersten Mal verhaftet und gefoltert wurde, mit zwanzig auf einem Leichentisch erwachte und mit vierundzwanzig von seinen Peinigern lebendig begraben wurde.

Er leidet bis heute unter den körperlichen Qualen, die man ihm in der Blüte seines Lebens angetan hatte. Das Bein ist kaputt, das Laufen fällt schwer. Kein erstrebenswerter Zustand für einen, der vor Kraft und Durchhaltevermögen strotzte. Doch er ist nicht zerbrochen an seinem Martyrium. Er, der mehr durchlitt, als ein Mensch ertragen kann, zieht vielleicht gerade aus diesem Überstehen und Widerstehen seine Kraft.

Eine Kraft, aus der Mikis Theodorakis ein musikalisches Werk geschaffen hat, das in unserer Zeit seinesgleichen sucht: Lieder, Oratorien, Opern, Ballette, Sinfonien. Er hat mit den bedeutendsten griechischen Dichtern zusammengearbeitet: Jannis Ritsos, Odysseas Elytis, Jorgos Seferis. Mit Pablo Neruda war er befreundet, und hat Teile aus dessen „Canto General“ in Töne gesetzt. Auch Texte des Spaniers Federico Garcia Lorca, des Franzosen Paul Eluard oder des Türken Nazim Hikmet hat er komponiert. Er ist ein Universal-Musiker.

Aber keiner, der in einem Elfenbeinturm sitzt. Seine musikalischen Wurzeln liegen auch in der Volksmusik. Viele seiner Lieder wurden selber Volksmusik und für die Unterdrückten ein kraftvolles und gewaltfreies Mittel ihrer Auflehnung. Wer so nah dran ist, bringt sich auch selbst in politische Geschehnisse ein. Theodorakis macht das bis zum heutigen Tag.

Im September 2009, einen Tag vor unserem Konzert in Thessaloniki, besuchen wir Mikis in Athen. Seine Sekretärin und eine Schar kleiner Katzen begrüßen uns. Und schon stehen wir in dem legendären Arbeitszimmer, wo Mikis uns erwartet. Er weiß von unserer Arbeit, kennt unsere CD "Nur diese eine Schwalbe". Schnell kommen wir ins Gespräch. Seine Augen blitzen, seine Erzählungen sind lebendig und seine Erinnerungen reichen Jahrzehnte zurück. Ein Geschenk haben wir mit. Und während wir es auspacken, fragt Mikis: "Karl Marx?!"  -  Es ist eine Che-Guevara-Büste, und Mikis verkündet: „Wusstet ihr, dass ich Che in den frühen sechziger Jahren in Havanna persönlich kennengelernt habe?“ Wir wissen vieles über Mikis, das wussten wir noch nicht.

Angeregt haben wir uns mit ihm unterhalten. Er fragte uns vieles, auch, warum die für den 10.7.2003 vorgesehene Premiere seiner Oper "Electra" am Opernhaus in Chemnitz nicht stattfand. Es wird wohl wegen des Geldes sein, meint Mikis. Unsere Anfrage in dieser Sache beim Chemnitzer Theater läuft seit Monaten. Eine Antwort steht immer noch aus. (Wir bleiben dran, versprochen, Mikis!)

Die Zeit rinnt dahin, ausgemacht war eine Stunde. Mehr würde er nicht durchhalten, wurde uns gesagt. Davon keine Spur. Schließlich fragt er, ob wir ihm nicht etwas vorspielen wollen, Wolfram hat ja die Gitarre dabei. Und fast entschuldigend meint Mikis, das A (der Kammerton) wäre hier, also auf seinem Klavier, etwas tiefer. Wir spielen "Nur diese eine Schwalbe" aus "Axion esti". Mehr! Ludwig ist wild entschlossen, Mikis das vorzuspielen, was der bestimmt so noch nie gehört hat: einen Teil aus dem "Canto General", "Los Libertadores" – "Die Befreier", in deutscher Sprache, interpretiert von drei Leuten. Wir legen los und merken, wie Mikis immer mehr in sich geht. Nach dem ersten Part halten wir inne. Ich denke: Welch eine Anmaßung! Jetzt schmeißt er uns raus. Mikis aber lässt keinen Zweifel: er will auch den Rest hören. Seine Augen füllen sich mit Tränen und dann bin ich mir ganz sicher, der "Canto General" gehört auch für ihn selbst zu seinen wichtigsten Kompositionen.  

Seit zehn Jahren geben wir nun Konzerte mit Liedern von Mikis Theodorakis. Wer hätte gedacht, dass er uns einmal selbst hören wird und dies so wohlgesinnt aufnimmt?! All die Jahre war Theodorakis immer präsent. Er hat weder uns noch unser Publikum losgelassen. Und er beflügelt uns: die zweite Theodorakis-CD von QUIJOTE ist aufgenommen und wird im Herbst erscheinen. 

Die Grafikerin, die das Booklet gestaltet, fragte uns: Was ist denn eure Zielgruppe? Eine berechtigte Frage, durchaus. Aber was soll jemand darauf antworten, der sich mit seiner künstlerischen Arbeit nicht anpassen will und sich, schaut man auf den viel beschworenen Markt, verhält, wie ein trotziges Kind? Die Antwort kann nur lauten: Unsere Zielgruppe sind Leute, die die Musik von Mikis Theodorakis mögen, die ihren eigenen Kopf zum Denken verwenden und die unzufrieden sind mit dem, was ihnen die Gesetze des Kapitals vorschreiben.

Mikis hat Musik geschrieben, die nicht mit Geld zu bezahlen ist. Kraft und Gefühle sprudeln aus ihr hervor, verbunden mit dem Anliegen, unsere Welt menschlicher zu machen. Bewahren wir diese Musik und tragen sie zu ihrem Publikum. Das ist unser Geschenk an Dich, lieber Mikis. Und wenn andere deine Musik hören und in ihnen ein Gedanke oder ein Gefühl erwacht, dann gäbe es wieder einen Beleg mehr dafür, dass Kunst keinen Markt braucht, sondern Menschen.

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