Musik gegen Windmühlen - aus Chemnitz

Eindrücke

über Quijote

2005: 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges

Konzerte der Versöhnung - Im Gedenken an die Opfer des Nazismus und des Krieges

von Natalia Sakkatou

 

Griechenland im 2. Weltkrieg ist nach wie vor ein weißer Fleck im allgemeinen europäischen Geschichtswissen. Doch war dieses kleine Land oftmals das entscheidende Zünglein an der Waage. Churchill schreibt in seiner Autobiographie, dass der unerwartete Widerstand der Griechen entscheidend zur Wendung des Krieges beigetragen habe. In Deutschland waren die Kriegsverbrechen, die hier verübt wurden vergleichsweise unbekannt. Eine Auseinandersetzung mit den Massakern in Griechenland setzt daher erst spät ein. So ist das Kriegsverbrechen an den Soldaten der italienischen Division Acqui auf der Insel Kefalonia einer breiteren Öffentlichkeit in Deutschland eigentlich erst seit Frühjahr 2001 bekannt, als der Hollywoodfilm „Captain Corelli´s Mandoline“ in die deutschen Kinos kam.

Bemerkenswert, was ein Film, der aus dieser tragischen Geschichte mehr oder weniger eine Liebesgeschichte extrahiert, auszulösen im Stande ist. Der 97 jährige Amos Pampaloni, auf dessen Schicksal die Figur des Corelli basiert, war außer sich, sich selbst als mandolinespielenden, liebestollen Jüngling zu sehen.

Und mit ihm die gesamte Division, flirtende, musizierende, leichtlebige Italiener, die selbst im Krieg nichts anderes im Kopf haben, als sich zu amüsieren.

Das Element der Musik wird sowohl vom Regisseur als auch von den italienischen Soldaten in der historischen Kulisse zur Flucht aus der Realität und zur Verflachung von Inhalten eingesetzt, wo doch die Musik, die künstlerische Bearbeitung also, eine weitere Bewusstseinsebene darstellen kann, die gerade dazu angetan ist, Inhalte zu verdeutlichen.

Tatsächlich war in der Division Acqui, kurz vor der Landung der Deutschen, eine heftige, kontroverse Debatte darüber geführt worden, die Waffen abzugeben und sich zu ergeben oder in die Berge zu gehen und auf Seiten der ELLAS (Griechische Volksbefreiungsarmee) gegen die Nazis zu kämpfen. Die italienischen Soldaten trafen die schicksalshafte Entscheidung, sich zu ergeben.

Der damalige General Pampaloni, gehörte zu der Gruppe, die für den bewaffneten Kampf argumentiert hatte. Wie durch ein Wunder hat er seine eigene Exekution überlebt und nach seiner Gesundung auf Seiten der ELLAS gegen den Faschismus gekämpft. Erst zwei Jahre nach Kriegsende ist er in seine Heimat zurückgekehrt.

Während die Rubriken der Zeitungen ihr Interesse auf die Ereignisse vor 60 Jahren richteten, fanden in Griechenland zwei musikalische Projekte statt, die auf ihre spezifische Weise der Vergangenheit gedachten und ihren Tribut an die Gegenwart zollten.

Die Europa Philharmonie, welche ihren Sitz in Schloss Hundisburg in Sachsen – Anhalt hat, ist 1998 gegründet worden. Nach Ende des Kalten Krieges und im Geist eines Neuanfangs hat das philharmonische Orchester junge, besonders talentierte Musiker aus ganz Europa unter seinem Dach vereinigt. Dieses Orchester, das schon in seiner Struktur den europäischen Geist repräsentiert, hat im Mai 2005 in Griechenland Konzerte gegeben, die den Opfern des Krieges gewidmet waren.

Von Kefalonia über Athen nach Kreta. Orte, an denen Massaker stattgefunden haben und die stellvertretend stehen für die vielen anderen Opfergemeinden in Griechenland, die dieses Schicksal teilen und denen sich erst das inoffizielle und dann das offizielle Deutschland angenähert haben.

Eine Brücke in die Zukunft bilden

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, unter dessen Schirmherrschaft die Europa Philharmonie steht, schrieb in seinem Grußwort: „Wenn die mit diesen Verbrechen verbundene Schuld auch nicht übertragbar auf die heutige Generation der Deutschen ist: die Verantwortung, die aus ihr erwächst, ist sehr wohl übertragbar. Daran mitzuarbeiten, dass sich nie wiederholt, was geschehen ist, bleibt immerwährender Auftrag. ( ... ) Als Partner in der (Europäischen) Union arbeiten Griechenland und Deutschland gemeinsam an der demokratischen und friedlichen Zukunft Europas, einem Europa ohne Gewalt, Hass, Ausgrenzung, einem Europa, das den Werten von Humanität, Solidarität und Toleranz verpflichtet ist.“

In Kefalonia, wo die Konzerte ihren Anfang nahmen, hatte die 1. Gebirgsjägerdivision Edelweiß ein, selbst für die Geschichte des 2. Weltkrieges in Brutalität und Umfang seines gleichen suchendes, Kriegsverbrechen verübt. 5.000 sich ergebende, unbewaffnete Soldaten der Division Acqui sind in kürzester Zeit hingerichtet worden. Der griechisch-italienische Verein Mediterraneo gibt darüber hinaus an, dass weitere 2.000 bei Kämpfen umgekommen seien und 2.640 Männer sind in dem auslaufenden Schiff, das sie als Kriegsgefangene abtransportieren sollte, im Hafen von Argostoli versenkt worden.

Die Insel war voller Leichen. „Wir sahen von weitem, den Himmel voller Bänder. Als wir näher an die Schlucht kamen, wurde deutlich, es waren Geier, die den Toten die Gedärme aus dem Leib zogen“, erinnerte sich die kürzlich verstorbene Maria Kakelari.

2003 wurde ein Historikerkongress auf der Insel durchgeführt, an dem die drei involvierten Seiten beteiligt waren. Auch hatte ein griechisch-italienisch-deutsches Chortreffen stattgefunden. Die Bemühungen haben zu einem Dialog geführt, der mittlerweile in eine neue Phase eingetreten zu sein scheint.

In der Ansprache des Bürgermeisters von Lixouri, Herrn Vassilis Rouchotas, vor dem vollen Saal in dem neuen Theater „To Markato“, kommt dies zum Ausdruck: „ Die lebendige Erinnerung der schrecklichen Ereignisse des Krieges ist, wie ich glaube, eines der besten Mittel, um deren Wiederholung zu verhindern. Es ist notwendig, dass die Völker ohne zu Vergessen einer besseren Zukunft entgegen gehen. Ich glaube, dass die Kultur im Allgemeinen und die Kunst im Speziellen Mittel zur Linderung der Wunden der Vergangenheit und eine Brücke in die Zukunft sind.“

Gerasimos Metaxas, Bürgermeister von Poros, dessen Rede inhaltlich in die gleiche Richtung ging, bezog sich darüber hinaus auf die klassische Musik als solche: „Wir danken für dieses einzigartige Hörerlebnis.“ Und bedächtig an die Konzertbesucher gerichtet: „Ich glaube, viele haben heute zum ersten Mal erlebt, welche tiefe Botschaften die klassische Musik in sich birgt und zu vermitteln in der Lage ist. Hoffentlich führt das heutige Ereignis zu einem bleibenden Austausch.“

Manolis Krevatsoulis, stellvertretender Bürgermeister in Rethymno / Kreta, war einer derjenigen, der die deutsche Nachkriegsgeschichte betonte: „Nach dem Wiederaufbau ist Deutschland zu einer der wichtigsten wirtschaftlichen Kräfte im Herzen Europas herangewachsen und vielen Emigranten zur zweiten Heimat geworden.“

Er sagte aber auch, dass er vor seinem Studium in Deutschland, das starke Bedürfnis verspürte, seinen Vater, der zwei Söhne im Krieg verloren hatte, erst um Erlaubnis zu bitten, diesen Studienort wählen zu dürfen.

Mittlerweile wird es den Deutschen allseits honoriert, sich auseinandergesetzt zu haben, Dinge beim Namen genannt zu haben, wenn auch manche spät.

Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen

Die Geschehnisse von vor 60 Jahren werden in keiner Weise in ihrer Schwere gemildert, wenn man sich den Dingen öffnet, die danach kamen und die der Prozess der Auseinandersetzung mit der Geschichte notwendig mit sich gebracht hat. Es ist eine Art Mut zur Gerechtigkeit von der anderen Seite. Einzelne Deutsche, die sich den Ereignissen gestellt und um Versöhnung bemüht haben, spielen an jedem dieser Orte eine wichtige Rolle. In Distomo ist seit vielen Jahren die Evangelische Kirche aktiv. Brigitte Spuller vom Evangelischen Jugendwerk Nürnberg ist Ehrenbürgerin von Distomo. Im Juli ist wieder ein Projekt mit Jugendlichen aus beiden Ländern durchgeführt worden. Die Deutsche Schule Athen hat, hier ist vor allem die Lehrerin Irene Vassos zu nennen, einen regelmäßigen Schüleraustausch mit Kalavryta ins Leben gerufen - aus Geschichte für die Zukunft lernen.

In Anogia, das von den Nazis bis auf die Grundmauern niedergebrannt worden war und wo ebenfalls ein Konzert gegeben wurde, war eine der Pionierinnen dieses Dialogs zu gegen, die Bildhauerin und Landschaftskünstlerin Carina Raeck, die zehn Jahre ihres Lebens in dem hochgelegenen kretischen Dorf gelebt hat und mit Hilfe von Einheimischen den Antarten, den liegenden Partisanen aus großen natürlichen Steinen, in die Hochebene gebaut hat. Eine Skulptur für den Frieden, die, wie Reinhard Seehafer, Chefdirigent der Europa Philharmonie, sinnig bemerkte, nur von oben richtig wahrzunehmen ist - nur mit dem Blick der Götter.

Die Europa Philharmonie war als Verkörperung des Gedankens „Musik für ein vereintes Europa“, zu dem auch ihr Gründungsmotto, wohl der geeignete Klangkörper, eine Friedensbotschaft zu repräsentieren und nach außen zu tragen.

Sie schlossen das Konzert mit Dimitri Schostakowitsches Kammersinfonie „Im Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges“. Diese Musik birgt sowohl den Schrecken als auch die Hoffnung in sich und bietet in einzigartiger Weise die Möglichkeit, sich ihr über die klanglichen Strukturen und / oder über die Erfahrung anzunähern. Die Sinfonie von Schostakowitsch, meisterhaft von den jungen Musikern umgesetzt, hat überall tiefen Eindruck hinterlassen. In Poros / Kefalonia wurden nach Ausklingen der Musik spontan zwei Schweigeminuten eingehalten.

Von Schostakowitsch zu Theodorakis

Ergriffen waren die Zuhörer in Kalavryta und Kaissariani genauso die drei deutschen Musiker, Sabine Kühnrich, Ludwig Streng und Wolfram Hennig Lieder von Mikis Theodorakis in deutscher Sprache interpretieren zu hören.

Theodorakis - Lieder in deutscher Sprache, entheben der Notwendigkeit der Übersetzung, denn die Inhalte seiner Lieder sind hierzulande Allgemeingut. Sie geben den Zuhörern, insbesondere denen, die immer noch den Befehlston der Nazis in den Ohren haben, die Möglichkeit die deutsche Sprache neu und möglicherweise zum ersten Mal unvoreingenommen zu hören. Und das mit der klaren und ausdrucksvollen Stimme von Sabine Kühnrich. Das die drei nicht zufällig auf Theodorakis gestoßen sind, sondern aus Überzeugung diese Lieder singen, war sicht – und hörbar.

2004 hatte das Trio „Quijote“ anlässlich der 60 jährigen Gedenkfeier in Distomo gespielt, wo eine Division der Waffen-SS eines Morgens 264 Zivilisten ermordete, die der wohl friedlichsten Beschäftigung an sich nachgingen, sie mähten Korn. Die SS schoss auf alles, was sich bewegte, auch auf Tiere. Wo die einen Korn mähten, mähten die anderen Leben…

Die Opfergemeinden, wie sie sich selber nennen, sind in einem Netzwerk verknüpft, schon letztes Jahr war so die Idee weiterer Konzerte mit dem Ensemble aus Chemnitz entstanden, die dieses Jahr in Kalavryta und Kaissariani aufgetreten sind.

Auch das Gemetzel in Kalavryta, das 1.300 Menschenleben kostete, geht auf das Konto der 1. Gebirgsdivision Edelweiß. Kalavryta, Kommeno, Kefalonia…

Gerade bezüglich der Verbrechen in Kalavryta hat es über lange Zeit hinweg, sowohl von offizieller als auch von privater Seite, Bemühungen der Wiedergutmachung gegeben. Junge Handwerker aus Deutschland restaurierten im letzten Jahr den Weg zum Mahnmal in Kalavryta.

Der Athener Stadtteil Kaissariani am Fuße des Berges Ymittos gelegen, ist ein ganz anders gearteter Fall. Kaissariani gilt als der heroische Athener Stadtteil. Auf dem Ymittos war während der deutschen Besatzung, die EAM, die Griechische Befreiungsfront, stationiert - ohne Unterbrechung. Ein Phänomen, welches ohne die Unterstützung der Bevölkerung, niemals möglich gewesen wäre. In Kaissariani war der Widerstand gegen die Besetzer groß, was vor allem hier zu exemplarischen „Strafaktionen“ geführt hat.

Im Skopeftirio (Schießstand) von Kaissariani wurden Massenexekutionen von Gefangenentransporten durchgeführt. Der Boden dort ist mit dem Blut von Toten aus ganz Griechenland getränkt. Jegliche Versuche der Aufarbeitung und Annäherung von offizieller deutscher Seite hatten sich bisher schwierig gestaltet und waren größtenteils erfolglos geblieben.

Quijote trat im Rahmen einer dreitägigen Gedenkveranstaltung im Skopeftirio Kaissarianis auf. Schon das Konzert war eine Form der Anerkennung der geschichtlichen Bedeutung des Ortes von deutscher Seite. Das Trio aus Chemnitz hatte eine Grußbotschaft des Verbands der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten im Freistaat Sachsen mitgebracht, die die Bedeutung des Erhalts und der Pflege von Mahn- und Gedenkstätten betont und mit dem Satz schließt: „Wir wünschen Euch in Eurem Kampf Erfolg, damit der Humanismus in den Herzen der Menschen keinen Raum für faschistische Gedanken lässt.“ Am Morgen des 24. Mai 2005 hat erstmals ein Deutscher Botschafter, Dr. Albert Spiegel, am damaligen Exekutionsort einen Kranz niedergelegt. Ein Akt von außerordentlicher Bedeutung.

Eine Frau stand neben mir, die unter den hier Exekutierten zwei Familienmitglieder zu beklagen hat: „Was die Zeit alles bringen kann. Wer hätte es für möglich gehalten, dass es einmal zu so etwas kommen würde. Niemals hätte ich geglaubt, dass ich hier je zusammen mit Deutschen, den Opfern gedenken würde.“ So haben es die meisten empfunden. Der alte Giannis Kouvas, der als Jugendlicher im Nationalen Widerstand gekämpft hat, sagte: „Für mich haben die fünf deutschen Soldaten, die hier ebenfalls exekutiert wurden, schon damals die Ehre Deutschlands gerettet.“ Die fünf Deutschen sind anonym. In den 60er Jahren hatte Giannis Kouvas auf einer Deutschlandreise zusammen mit einem Freund von der Deutschen Welle vergeblich versucht, ihre Identität zu klären.

Erst am 24. Juni 2005 konnte die Gemeinde Kaissariani nach 61 jährigem Kampf um den Ort, das Mahnmal im Skopeftirio, dem damaligen Exekutionsort, einweihen. Auf der Gedenktafel sind auch die fünf deutschen und elf italienische Soldaten erwähnt.

Bei der Enthüllung des Mahnmals war das Volk von Kaissariani zu gegen, die gesamte politische und geistige Führung des Landes, der Deutsche Botschafter und Vertreter des Goethe-Instituts.

Die langjährigen Bemühungen von deutscher Seite die schweren Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs, sowohl von Seiten der SS als auch von Seiten der Wehrmacht, an der griechischen Zivilbevölkerung aufzuarbeiten, Sühne zu zeigen und sich der Bevölkerung anzunähern, dürfen in einem Jahr, in dem sich das Ende des Krieges zum 60sten Mal jährt und überall an die Kriegsgräuel erinnert wird, nicht vergessen werden.

Um aber dieser Arbeit nicht die Kraft zu nehmen, müssen Phänomene, wie das gerade wieder abgehaltene Pfingsttreffen der Gebirgsjäger in Mittenwald endlich richtig zugeordnet werden und die vielen immer noch offenen Kriegsverbrecherprozesse ihren juristischen Abschluss finden. Was mit so spät verurteilten, greisen Tätern dann passieren soll, eröffnet eine andere Debatte, die nicht abhängig geführt werden sollte.

Während dieser erlebnisreichen Konzertprojekte kristallisierte sich in Reden, Ansprachen und Gesprächen immer wieder ein Ziel heraus:
Die historische Erfahrung für eine bessere Welt nutzbar machen. Mit dem Wissen um die Vergangenheit und dem Mut zur Erkenntnis, Zukunftsperspektiven für ein friedliches, demokratisches, sozial gerechtes und vereintes Europa entwickeln und ... anfangen diese zu leben.

Und es wurde klar: Eine der „Lebensformen“ dieses Europas sind zum Beispiel kulturelle Projekte, die die Grenzen überschreiten.

Wenn die Musik Spuren in den Köpfen der Menschen hinterlassen hat, dann ist dies vielleicht der Anfang eines Austausches und damit der Anfang einer neuen Geschichte.

Dank sei dem Goethe Instituts, dem Auswärtigen Amt, dem Bundesland Sachsen – Anhalt und Hellenic Shipyards ausgesprochen, für die finanzielle Unterstützung der Europa Philharmonie und der Deutschen Botschaft Athen für die Verwirklichung der Quijote – Konzerte.

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